Ingenieure made in Germany - Technik aus Deutschland

Deutschland: Technologieprimus

Wer an Deutschland denkt, denkt häufig an Dichter, Denker und Komponisten. Und an „made in Germany“, an Hightech- Produkte allerhöchster Qualität. Sie sind weltweit gefragt und rücken selbst den aus Stein gehauenen US-Präsidenten zu Leibe. Die technischen Erfolge verdankt das Land vor allem seinen Ingenieuren, denn sie sind ausgestattet mit breitem Fachwissen und der Fähigkeit, dies praktisch anzuwenden. Damit Deutschland Technologieprimus und Exportweltmeister bleibt, braucht es genügend Ingenieurnachwuchs – auch aus dem Ausland.

Know-how in der Umsetzung: Erfolgsrezept der Ingenieurausbildung Bild vergrößern Know-how in der Umsetzung: Erfolgsrezept der Ingenieurausbildung (© Heddergott / TU München ) Leonardo da Vinci war wohl der erste Ingenieur der Geschichte. Der geniale Erfinder und Künstler bezeichnete sich als „ingegnier“, was damals ein Zeugmeister für militärische Ausrüstung war. Auch wenn der Ingenieurberuf seine Wurzeln in Italien und Frankreich hat, hat kein Land das Berufsbild und das Image so geprägt wie Deutschland. Der König von Preußen führte 1899 „auf allerhöchsten Erlass“ die Titel Diplom-Ingenieur und Doktor-Ingenieur ein. 111 Jahre Diplom-Ingenieur – ein schöner Anlass, den Erfolg dieser „Marke“ zu feiern und zurückzublicken auf die Erfolge von Carl Benz, Robert Bosch und vielen weiteren Ingenieuren, ohne die das 20. Jahrhundert nicht so ein Zeitalter des Fortschritts gewesen wäre.
Auch heute haben Ingenieure großen Anteil am Innovationsstrom, der Produkten und Dienstleistungen made in Germany zu Erfolgen auf dem Weltmarkt verhilft. Jüngste Beispiele sind die Erfindungen, die 2010 für den Deutschen Zukunftspreis nominiert sind, den der Bundespräsident jedes Jahr verleiht: das Laserauge der Karlsruher Firma Unisensor, das Kunststoffgranulat sortiert, oder der Greifroboter der Firma Festo in Esslingen, der wie ein Elefantenrüssel aussieht und sogar rohe Eier bewegen kann.

Breites Fundament

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die Ausbildung an deutschen Hochschulen ist Weltspitze, auch wenn internationale Rankings häufig die einschlägig bekannten Eliteunis aus den USA und Großbritannien auf die ersten Plätze setzen. Bei den Ingenieuren ist das Bild eindeutig: Mit der Note 1,7 (auf einer Schulnotenskala von eins bis sechs) rangiert die deutsche Ingenieurausbildung in einer Studie der Boston Consulting Group an oberster Stelle.
Frachter lernen segeln: Hamburger Technik hilft den Treibstoffverbrauch zu senken Bild vergrößern Frachter lernen segeln: Hamburger Technik hilft den Treibstoffverbrauch zu senken (© SkySails) Die Kombination aus einem breiten Fundament mathematisch-theoretischen Wissens und Know-how in der Umsetzung ist das Erfolgsrezept der deutschen Ingenieur-ausbildung. „Anders als im Ausland ist das Studium hierzulande sehr praxis- und industrieorientiert“, sagt Sabina Jeschke, Professorin für Informationsmanagement im Maschinenwesen an der RWTH Aachen. Hinzu kommt die Möglichkeit, je nach Neigung eher theoretisch an Universitäten zu studieren oder praxisorientiert mit frühem Kontakt zu Unternehmen an Fachhochschulen. Auch wählen etliche junge Menschen den Weg über eine Berufsausbildung in einem Betrieb, bevor sie studieren.

Dieses breite Spektrum, die Fähigkeit, ein Problem gleichzeitig theoretisch und praktisch zu durchdringen und über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, ist wohl eines der Erfolgsrezepte. Das bestätigt Theodor Strobl, ehemaliger Professor für Wasserbau an der Technischen Universität München: „Bei Bauingenieuren, die nach dem angelsächsischen System ausgebildet wurden, habe ich vor allem im Ausland die Erfahrung gemacht, dass sie zwar hervorragende Spezialisten sind, aber oft die Zusammenhänge nicht erkennen.“

Kein Wunder, dass Ingenieure von deutschen Hochschulen weltweit gefragt sind, häufig stechen sie Absolventen von Eliteunis wie MIT oder Stanford aus. Nicht verschweigen sollte man aber die Defizite: Die kompromisslose Ausrichtung auf Hightech führt mitunter dazu, dass einfachere Lösungen, die vielleicht praktischer für die Nutzer wären und vielleicht sogar kostengünstiger, nicht gesehen werden. Im Deutschen gibt es dafür ein Sprichwort: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Doch die Ingenieure haben dazugelernt, sie gehen heute mehr auf das ein, was der Kunde wirklich braucht. Die Anforderungen an die Absolventen dieser Studiengänge haben sich dementsprechend verändert. „Soft Skills“ sind zunehmend gefragt, also die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, zu kommunizieren, zu überzeugen und das in perfektem Englisch – vor allem wenn Ingenieure in Führungspositionen arbeiten und viel Kundenkontakt haben.

Internationale Erfahrung zählt


„Internationalität und interkulturelle Kompetenz gehören zu den gefragtesten Persönlichkeitsmerkmalen von Ingenieuren, die bei internationalen Unternehmen anheuern wollen“, sagt Personalberater Heiko Mell, der regelmäßig im Branchenblatt des Vereins Deutscher Ingenieure „VDI-Nachrichten“ Karrieretipps gibt. Auslandsaufenthalte sind während des Studiums fast schon obligatorisch, und auch Studierende und Absolventen aus dem Ausland haben zunehmend gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Präsidenten polieren: Deutsche Hochleistungsreiniger geben der nationalen Gedenkstätte am Mount Rushmore in den USA neuen Glanz Bild vergrößern Präsidenten polieren: Deutsche Hochleistungsreiniger geben der nationalen Gedenkstätte am Mount Rushmore in den USA neuen Glanz (© Kärcher) Der Branchenverband Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik VDE warnt jedoch davor, diese Fähigkeiten überzubewerten. Vor lauter Soft Skills dürfe der Markenkern der Ingenieurstätigkeit, nämlich das profunde technische Wissen, nicht vernachlässigt werden. Das wird in immer mehr spezialisierten Studienprogrammen gelehrt. Zwar gibt es auch heute noch klassische Fächer wie Elektrotechnik oder Maschinenbau, doch der technische Fortschritt ist so rasant, dass eine Diversifizierung in neue Studiengänge wie Mechatronik oder Erneuerbare Energien nötig ist. Ein besonderes Erfolgsmodell ist der Wirtschaftsingenieur, ein Abschluss, mit dem Absolventen alle Türen und Aufstiegsmöglichkeiten offenstehen. Er verbindet technisches mit betriebswirtschaftlichem Wissen und stößt damit genau in die Lücke, in der es im Berufsleben häufig zu Missverständnissen kommt.

Der Universalingenieur, wie es ihn zu Zeiten von Automobilpionier Carl Benz und Robert Bosch, dem Gründer des gleichnamigen Elektrotechnikkonzerns, noch gab, existiert heute nicht mehr. Kein Mensch kann alles technologische Wissen überblicken. Deshalb müssen Ingenieure immer häufiger in Teams arbeiten, die für Entwicklungsprojekte zusammengestellt werden. Das bietet gute Chancen für Selbstständige. Insbesondere in der Konstruktion und Software-Entwicklung gibt es viele Freiberufler, die Unternehmen zeitlich begrenzt zuarbeiten. Zu den rund 50000 selbstständigen Ingenieuren in Deutschland kommen etwa 15000 beratende Ingenieure hinzu, mit steigender Tendenz, wie das Auftragsvermittlungsportal Gulp bestätigt. „In wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt die Zahl derjenigen deutlich an, die mit der Selbstständigkeit einer drohenden Arbeitslosigkeit entgehen wollen“, weiß Willi Oberlander, Geschäftsführer am Institut für freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg. Bei guter Konjunktur gehen manche dann wieder feste Arbeitsverhältnisse ein.

Nachwuchs gesucht

Die Weltwirtschaftskrise infolge der Bankenkrise hat auch auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure Spuren hinterlassen. Nicht alle Absolventen fanden 2009 sofort eine Stelle. Dennoch herrscht unter den Ingenieuren nahezu Vollbeschäftigung: Nur 2,4 Prozent von ihnen waren 2009 arbeitslos. Jetzt nach der Krise im Wirtschaftsaufschwung wird umso deutlicher sichtbar, was Experten schon vorher prophezeit hatten: Es fehlen, so schätzt der VDI, über 30000 Ingenieure. Der Mangel an Fachkräften hat einen Wertschöpfungsverlust der deutschen Volkswirtschaft von schätzungsweise 3,4 Milliarden Euro zur Folge.

Tüftler willkommen: Studierende des Karlsruher Instituts für Technologie bauen ihr eigenes Rennauto Bild vergrößern Tüftler willkommen: Studierende des Karlsruher Instituts für Technologie bauen ihr eigenes Rennauto (© KA-RaceIng e.V.) Deutschland braucht also dringend Nachwuchs. Doch die rund 75000 Abiturienten, die jedes Jahr ein Ingenieurstudium beginnen, können die Lücke nicht schließen. Drei Maßnahmen sollen helfen, die Zahl der Studierenden zu steigern: Erstens sollen mehr junge Frauen für das Studium von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) begeistert werden. Zwar steigt der Frauenanteil seit einigen Jahren kontinuierlich an, dennoch ist erst etwa jeder siebte Ingenieur weiblich. Zweitens sollen mehr Studierende oder Fachkräfte aus dem Ausland angeworben werden. Heute hat nur jeder zehnte Ingenieur im Erwerbsalter bis 65 Jahre eine ausländische Staatsbürgerschaft, auch der Anteil dieser Gruppe steigt langsam an. 2009 studierten 27240 angehende Ingenieure aus anderen Ländern an deutschen Universitäten. Diese Ingenieure aus anderen Kulturkreisen sind auch deshalb wertvoll, weil sie helfen, neue Märkte zu erschließen und die Position Deutschlands als Exportweltmeister zu festigen. Und drittens sollen die Studiengänge studierbarer und die hohen Abbrecherquoten gesenkt werden.
Damit sich auch in Zukunft begabte Studierende für eine Ingenieurausbildung an deutschen Hochschulen entscheiden, muss der gute Ruf der Studiengänge verteidigt werden. Doch der könnte bedroht sein, fürchten die Rektoren der neun großen Technischen Universitäten (TU9). Im Zuge der sogenannten Bologna-Reform haben die Nationen der Europäischen Union beschlossen, Bachelor- und Master-Abschlüsse zur Regel zu machen. Das trifft insbesondere den Diplom-Ingenieur, der nicht allein ein Abschlussgrad ist, sondern auch für hohe Qualität in der Ausbildung steht. „Das ist so, als würde Mercedes mit der Einführung des Laserschweißens den Stern auf der Motorhaube abschaffen“, findet Professor Ernst Schmachtenberg, Rektor der Exzellenzuniversität RWTH Aachen. Dieter Zetsche, Vorstand der Daimler AG, pflichtet bei: „Ein Dipl.-Ing. vor dem Namen ist wie ein Mercedes-Stern auf der Haube.“ Deshalb plädieren die Rektoren der TU9 für eine Gleichstellung des Diplom-Ingenieurs mit dem Mastergrad, wie es etwa in Österreich geregelt ist, um auch weiterhin das Diplom verleihen zu können.
Säge mit Benzinmotor: Andreas Stihl stellte 1929 die Motorsäge vor – seit 1971 ist das Stuttgarter Unternehmen Weltmarktführer. Bild vergrößern Säge mit Benzinmotor: Andreas Stihl stellte 1929 die Motorsäge vor – seit 1971 ist das Stuttgarter Unternehmen Weltmarktführer. (© ANDREAS STIHL AG & Co. KG) Trotz aller Erfolge und seiner Bedeutung für die Volkswirtschaft hat der Ingenieurberuf ein Imageproblem. Viele Vorabend-TV-Serien für das junge Publikum zeichnen das Bild von coolen jungen Leuten, die in der Werbebranche oder als Rechtsanwälte arbeiten. Ingenieure, wenn sie überhaupt in solchen Sendungen auftauchen, tragen dicke Hornbrillen und verwaschene Pullis. Dass sich solche Bilder hartnäckig halten, beweist eine Straßenumfrage des VDI-Nachrichten-Verlags, wo nach typischen Eigenschaften, zum Beispiel der Kleidung von Ingenieuren, gefragt wurde. Danach ist der typische Ingenieur eher trocken und spießig, trägt einen grauen Anzug und einen Aktenkoffer, in dem sich Lineal und Taschenrechner befinden. Doch es gab auch Lichtblicke bei der Umfrage, die über positive Attribute wie zielstrebig und präzise hinausgingen. Eine Passantin: „Ingenieure sind charmant und sexy – und ein guter Kontrast zu mir.“

Copyright: Bernd Müller, DAAD Letter 3/2010